bet haskala Blog

Feiertag

Yom HaSchoa 5786

„…und ich wusste es nicht“

jeder von uns hat Erinnerungen aus der Kindheit. Darunter sind stets gute und schlechte. Die eigenen Großeltern sind dabei ein Bindeglied in die Vergangenheit. Kleinere Kinder lieben es, zum Opa oder zur Oma zu kommen und deren Kindheit freudig zu erfragen. Auch mir ging es damals so. “Erzähle mir bitte, wie es damals war, als du noch klein warst!”, heißt es dann. Und plötzlich erwachen durch die Geschichten der Großeltern verschollene Welten zum Leben. Personen aus alten Zeiten, die vom Wind des Vergessens nahezu verweht wurden, leuchten als Bilder in den Köpfen der Kinder auf. Oft sind solche Geschichten lustig und mitreißend, manchmal aber auch traurig.

Einige Geschichten wiederum können auch unsere Herzen zerreißen. Manche Großeltern halten - aus tiefstem Schmerz heraus - bestimmte Geschichten auch verborgen.

Schoa. Sechs Millionen Menschen. Und gleichzeitig etwas sehr Nahes. Etwas, das nicht nur Geschichte ist, sondern Teil einer eigenen Familie.

Ich bin mit diesem Wissen aufgewachsen – und doch auch nicht. Ich wusste, dass meine Großeltern in Auschwitz waren. Aber ich wusste nicht, was das bedeutet. Nur, dass es etwas war, worüber man nicht spricht. Etwas, das zwischen den Sätzen stand. Und ich wusste nicht, warum.

Bis zu dem Moment, in dem dieses Schweigen gebrochen wurde.

Die Schwägerin meiner Großmutter begann zu erzählen. Leise, fast ohne Emotion. Sie sprach von den Umkleideräumen. Von den Duschen. Von Schreien, Schlägen, Panik. Von dem, was mit den Frauen geschah, die vor ihnen hineingingen. Und von der Ahnung, dass es keinen Ausweg gab.

Ich war sieben Jahre alt.

Diese wenigen Minuten haben etwas in mir verändert. Nicht, weil ich alles verstand – sondern weil ich etwas spürte, das größer war als ich selbst.

Danach hatte ich Angst zu duschen. Wochenlang. Es war, als hätte sich eine Wirklichkeit geöffnet, die nicht mehr verschwindet.

Ein paar Jahre später, in der Grundschule, kam etwas anderes dazu. Ein Satz auf dem Schulhof: „Deine Mutter ist eine jüdische Hure.“ Ich habe der, die das gesagt hat, die Nase gebrochen.

Erst später begann ich zu begreifen, dass das, worüber in meiner Familie geschwiegen wurde, in der Welt nicht verschwunden war.

Von da an begann ein Suchen. Nicht nur nach dem, was geschehen ist. Sondern nach dem, was verloren gegangen war. Eine Identität. Eine Sprache. Eine Selbstverständlichkeit.

Heute bleibt dieses Spannungsfeld bestehen. Zwischen Nähe und Distanz. Zwischen Wissen und Leerstelle. Zwischen Erinnerung und Gegenwart.

Die Schoa hat nicht nur Leben zerstört. Sie hat auch Vertrauen zerstört. Kontinuität. Religiöse Gewissheiten. Meine Großeltern konnten nicht einfach dorthin zurückkehren, wo sie einmal waren. Zu tief war der Bruch.

Und doch ist etwas geblieben.

Ein Wort: Sachor. Erinnere dich.

Erinnerung ist keine Bewegung zurück. Sie ist eine Entscheidung jetzt.

Der Philosoph und Rabbiner Emil Ludwig Fackenheim hat nach der Schoa von einer neuen Verpflichtung gesprochen. Keine klassische Mizwa – sondern eine Antwort auf das, was geschehen ist: Den Ermordeten keinen zweiten Tod geben, indem wir sie vergessen. Als Juden weiterleben – gerade dort, wo man uns auslöschen wollte. Nicht an der Welt verzweifeln. Und Gott nicht einfach aufgeben.

Nicht weil alles verständlich wäre. Sondern weil Aufgeben genau das wäre, was erwartet wurde.

Meine Großmutter konnte das Leben nach der Schoa nie ganz annehmen. Sie hat versucht, sich eine andere Welt aufzubauen – aber sie blieb ihr fremd. Ihre Schwägerin hingegen war wach, kämpferisch, präsent. Zwei Wege aus derselben Erfahrung.

Ich stehe zwischen ihnen. Und vielleicht liegt genau darin die Aufgabe: nicht aufzulösen, nicht zu erklären, sondern zu tragen. Zu erinnern – und trotzdem zu leben.

Sachor.