Vom Nil zum brennenden Busch – Gottes Ewigkeit und unsere Verantwortung
Paraschat Schemot beginnt mit einem Satz, der schwer zu hören ist: Jeder männliche Neugeborene soll in den Nil geworfen werden. Die Tora liefert keine Begründung, keine Diskussion. Es ist einfach ein Befehl.
Der Nil war nicht irgendein Fluss. Er war Ägyptens Lebensader, seine Quelle von Nahrung, Ordnung und Stabilität. Gewalt dringt genau dort ein, wo Leben genährt werden sollte. Die Tora macht uns deutlich, wie Grausamkeit selbst das Normale, das Alltägliche, ja das Heilige durchdringen kann.
In diesem Moment schweigt Gott. Es gibt kein Zeichen, kein Eingreifen, keine tröstenden Worte. Die Tora lässt dieses Schweigen stehen. Wir lernen: Leiden kann Realität sein, auch ohne sofortige Lösung. Unser Glaube wird geprüft nicht durch die Abwesenheit von Schwierigkeiten, sondern durch die Bereitschaft, trotzdem weiterzuleben.
Später erscheint Gott in der Wüste, im brennenden Dornbusch. Der Busch brennt, wird aber nicht verzehrt. Das Feuer bleibt, der Busch überlebt. Dieses Bild zeigt nicht sofortige Rettung, sondern Aushalten, Standhalten und Beständigkeit. Es zeigt, dass Leben, auch wenn es bedroht wird, fortbestehen kann.
Als Mosche fragt: „Wer bist Du?“ antwortet Gott: „Ehje ascher ehje – Ich werde sein, der ich sein werde.“ Dies ist keine Erklärung für das Leid, kein Warum, kein Wann. Es ist ein Hinweis auf die Ewigkeit Gottes. Gott ist nicht an Zeit, Ort oder Umstände gebunden. Gottes Existenz ist konstant, unabhängig von allem, was wir messen oder verstehen können. Gerade weil Gottes Sein ewig ist, können wir darauf vertrauen, dass wir nicht allein sind – auch wenn wir Unsicherheit oder Schwierigkeiten erleben. Gottes Gegenwart ist beständig, auch wenn wir sie nicht immer spüren.
Das Volk zieht dann in die Wüste, die kein Ort der Sicherheit ist. Es gibt keine klaren Karten. Die Menschen werden Schritt für Schritt durch Zeichen geleitet – durch die Wolke, durch das Feuer – doch den gesamten Weg sehen sie nicht. Jeder Schritt, jede Handlung, jede Entscheidung zählt und trägt zur Zukunft bei.
Hier in Berlin, in unserer Gemeinde Bet Haskala, erleben wir keine offenen Bedrohungen wie damals in Ägypten. Aber jüdisches Leben erfordert auch heute Mut. Es bedeutet, sichtbar zu bleiben, Traditionen zu pflegen, Räume für Lernen und Begegnung zu schaffen. Jede Entscheidung, sich zu zeigen, sich zu verbinden, ist ein Schritt, um unsere Gemeinschaft stark zu halten.
Die Parascha zeigt uns: Gottes Ewigkeit und unsere Kontinuität sind miteinander verbunden. Wir müssen nicht alles verstehen oder alles erklären. Wir können handeln, präsent bleiben und weitermachen. Wie der brennende Busch das Feuer übersteht, kann auch unsere jüdische Gemeinschaft in Berlin bestehen.
Glaube und Hoffnung entstehen im Tun, im Weitergehen, im Aufbau und im Schutz unserer Gemeinschaft. Gottes Ewigkeit gibt uns die Sicherheit, dass unser Engagement, unser Leben und unsere Entscheidungen Bedeutung haben – auch in einer Welt, die unsicher erscheint.
Möge es uns gelingen, wie die Israeliten in der Wüste, jeden Schritt bewusst zu setzen, im Vertrauen auf Gottes Gegenwart, und unsere Gemeinschaft, unsere Tradition und unser Leben zu bewahren.
Schabbat Schalom.
