bet haskala Blog

Wochenabschnitt

Schlach Lecha 5786

Zwischen zwei „Lechas“

In dieser Woche begegnen wir einer Generation, die an einer Schwelle steht. Die Kundschafter werden ausgesandt, kehren zurück und bringen einen schlechten Bericht über das Land. Die Folge kennen wir: Das Volk verliert den Mut, und die Generation der Wüste wird das Land nicht betreten. Doch je länger ich über diese Parascha nachdenke, desto mehr frage ich mich, ob die eigentliche Angst der Kundschafter wirklich den Riesen galt. Zu Beginn der Geschichte unseres Volkes hören wir Gottes Ruf an Abraham: לֶךְ־לְךָ – Lech Lecha – Geh für dich. Jahrhunderte später begegnen wir einem anderen „Lecha“: שְׁלַח־לְךָ – Schlach Lecha – Sende für dich. Abraham ist kein armer Hirte, der von einem besseren Leben träumt. Er stammt aus einer wohlhabenden Familie. Er kennt die Sicherheit einer geordneten Welt. Er kennt Städte, Handel, feste Häuser und die Strukturen einer entwickelten Gesellschaft. Als Gott ihn ruft, verlässt er nicht nur einen Ort. Er verlässt eine Zukunft, die bereits vor ihm liegt. Die Generation der Wüste steht vor einer ganz anderen Situation. Fast vierzig Jahre lang hat sie in Zelten gelebt. Sie kennt den Mischkan in ihrer Mitte. Sie kennt das Leben unterwegs. Die Wüste ist nicht nur ein Ort geworden. Sie ist zu einer Lebensform geworden. Und nun stehen die Israeliten an der Grenze des Landes. Die Kundschafter ziehen los und kehren mit einem Bericht zurück. Sie bringen Früchte mit. Sie bestätigen, dass das Land fruchtbar ist. Niemand bestreitet die Verheißung Gottes. Und dennoch entsteht Angst. Die Torah berichtet, dass die Kundschafter von befestigten Städten sprechen: „Die Städte sind befestigt und sehr groß.“ Für uns ist das ein nebensächliches Detail. Für die Generation der Wüste jedoch nicht. Denn die Städte stehen für etwas Neues: für Häuser statt Zelte, für Felder statt Manna, für dauerhafte Strukturen statt eines Lagers, das jederzeit weiterziehen kann, und für die Herausforderung, eine Gesellschaft aufzubauen. Die Kundschafter sehen nicht nur Mauern. Sie sehen eine Zukunft, die sie noch nicht kennen. Und genau darin liegt der Unterschied zwischen ihnen und Josua und Kaleb. Sie alle sehen dieselben Städte, dieselben Mauern und dieselben Herausforderungen. Der Unterschied liegt nicht in dem, was sie sehen. Der Unterschied liegt in der Art, wie sie das Gesehene verstehen. Wo die einen das Ende ihrer vertrauten Welt erkennen, sehen Josua und Kaleb den Beginn einer neuen. Damit verbindet sich „Lech Lecha“ auf überraschende Weise mit „Schlach Lecha“. Abraham wird aufgefordert, eine bestehende Welt hinter sich zu lassen. Die Generation der Wüste wird aufgefordert, eine neue Welt aufzubauen. Abraham verlässt eine Zukunft, die bereits vor ihm liegt, während Israel eine Zukunft schaffen soll, die es noch nicht gibt. Beides verlangt Mut. Beides verlangt Vertrauen. Beides verlangt die Bereitschaft, eine Schwelle zu überschreiten. Das erste „Lecha“ fragt: Was bist du bereit zurückzulassen? Das zweite „Lecha“ fragt: Was bist du bereit aufzubauen? Zwischen diesen beiden Fragen entfaltet sich nicht nur die Geschichte Israels. Es ist auch die Geschichte vieler Veränderungen in unserem eigenen Leben. Denn auch wir stehen immer wieder an Schwellen. Wir verlassen Vertrautes. Wir betreten Neuland. Wir verabschieden uns von dem, was war. Und wir wissen oft noch nicht genau, was werden wird. Die Kundschafter erinnern uns daran, dass Veränderungen Angst machen können. Abraham, Josua und Kaleb erinnern uns daran, dass jede neue Zukunft zunächst unbekannt ist. Sie entsteht nicht, weil alle Fragen beantwortet sind, sondern weil Menschen den Mut finden, die Schwelle dennoch zu überschreiten. Schabbat Schalom.