„Does size matter?“ Eine seltsame Frage für eine Drascha…
Diese Woche lesen wir Paraschat Nasso — die längste Parascha der ganzen Tora. Später im Jahr kommt Wajelech — die kürzeste. Und eigentlich müsste man erwarten, dass die längste Parascha die dramatischste ist. Große Wunder. Gewaltige Ereignisse. Irgendwas Außergewöhnliches.
Aber stattdessen wiederholt sich die Tora in Nasso immer wieder. Stamm für Stamm bringen die Fürsten Israels dieselbe Opfergabe dar. Dieselbe Schüssel. Dieselbe Anzahl von Tieren. Dieselben Worte fast immer wieder. Und ehrlich gesagt wirkt das beim Lesen fast überraschend. Die Tora hätte problemlos schreiben können: „Alle anderen Fürsten brachten dieselbe Gabe.“ Aber genau das tut sie nicht. Jeder Stamm bekommt seinen eigenen Abschnitt. Seinen eigenen Moment. Seine eigene Erwähnung. Die rabbinische Tradition hat darin etwas Wichtiges gesehen. Raschi schreibt zu Bemidbar 7,18: „Das Opfer jedes Einzelnen war dem des anderen gleich, aber jeder verband damit eine andere Bedeutung.“ Äußerlich sieht alles gleich aus. Innerlich ist nichts wirklich identisch. Der Midrasch Bamidbar Rabba 13,14 geht sogar noch weiter und erklärt, dass jeder Stamm mit denselben Gegenständen etwas anderes verband — Erinnerungen an die Erzväter, an die Stämme Israels, an die Tora, an die Geschichte des Volkes.
Wiederholung in der Tora nicht automatisch Überflüssigkeit bedeutet.
Manchmal bedeutet Wiederholung: Aufmerksamkeit. Manchmal bedeutet Wiederholung: Würde. Und manchmal bedeutet Wiederholung einfach: כבוד. Respekt. Die Tora weigert sich, Menschen schnell zusammenzufassen.
Und genau dort entsteht ein interessanter Gegensatz zu Wajelech, der kürzesten Parascha der Tora. Denn dort passiert etwas Gewaltiges — und fast still. Mosche verabschiedet sich vom Volk. Vierzig Jahre Wüstenwanderung gehen zu Ende. Eine ganze Epoche endet. Und doch braucht die Tora dafür nur wenige Verse.
Nicht alles Bedeutende braucht viele Worte. Und nicht alles Lange ist wirklich schwergewichtig. Manche Dinge verändern ein Leben in einem einzigen Satz. Ein kurzer Moment, den man nie vergisst.
Und andere Formen von Heiligkeit entstehen langsam. Durch Geduld. Durch Dinge, die immer wieder getan werden.
Nicht nur die großen Momente tragen eine Gemeinschaft. Nicht nur Offenbarungen und dramatische Augenblicke. Sondern auch die Wiederholungen, und trotzdem ist es niemals ganz dasselbe. Denn jedes Jahr sind wir andere Menschen. Jede Stimme klingt anders. Jeder Mensch bringt etwas Eigenes mit hinein: seine Geschichte, seine Hoffnung, seine Kraft, seine Müdigkeit. Vielleicht ist Nasso deshalb die längste Parascha der Tora.
Schabbat schalom
