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Wochenabschnitt

Mischpatim 5786

Ich möchte heute mit einer Geschichte beginnen, die uns viel über Verantwortung, Würde und Gerechtigkeit erzählt.

Am 17. Mai 1934 wurde in Berlin ein Mädchen geboren: Hessy Levinsons. Ihre Eltern, Jacob und Pauline Levinsons, waren Juden aus Lettland, aus kleinen, eng verbundenen Gemeinden, in denen jüdisches Leben von Tradition, Schule und Kultur geprägt war. In 1928 zogen sie nach Berlin, um als Musiker und Sänger zu arbeiten.

Als Hessy sechs Monate alt war, ließen sie ein Foto von ihr machen. Ein Fotograf reichte es heimlich bei einem Nazi-Wettbewerb ein – gesucht wurde das „ideale arische Baby“. Und Hessys Bild gewann.

Ein jüdisches Kind wurde zum Symbol einer Ideologie, die Menschen nach Kategorien eingeteilt… Die Eltern mussten schnell handeln, um ihr Kind zu schützen. Sie flohen aus Deutschland in 1938 nachdem der Gestapo Jacob freigelassen hat, zunächst zurück nach Lettland, danach nach Paris, dann nach Kuba, schließlich in die USA. Hessy wuchs dort auf, wurde Chemikerin und Professorin, und sie starb am 1. Januar 2026 in San Francisco, Sie war 91 Jahre alt.

Hessys Geschichte zeigt uns, wie gefährlich es sein kann, Menschen in Kategorien einzuordnen – und wie wichtig es ist, Verantwortung zu übernehmen, wenn Leben auf dem Spiel steht.

Nun zu Mischpatim. Nach Sinai - die 10 Gebote - gibt die Tora konkrete Gesetze, die das Zusammenleben regeln: Wer jemanden verletzt, muss Verantwortung übernehmen (Schmot 21:18–19). Wer ein Tier besitzt, das Schaden anrichtet, der Besitzer trägt Verantwortung. Schwache, Fremde, Witwen und Waisen sollen geschützt werden (Schmot 22:20–22).

Rashi erklärt zu „וְגֵר לֹא תִלְחָץ – den Fremden nicht bedrängen“, dass wir uns daran erinnern sollen, dass auch wir einmal Fremde waren. Ramban (Nachmanides) ergänzt: Die Tora verlangt nicht nur Gerechtigkeit, sondern Empathie.

Hessys Eltern zeigen uns die menschliche Dimension dieser Gebote: Sie waren selbst Fremde – zuerst in Deutschland, dann in der Emigration – und mussten Verantwortung übernehmen, um ihr Kind zu schützen. Ihr Handeln war konkret, pragmatisch und lebensrettend – ein Beispiel für praktische Gerechtigkeit.

Moderne liberale Rabbiner betonen: Die Tora fordert uns auf, nicht nur zu fühlen, sondern zu handeln. Verantwortung übernehmen, Schutz bieten, auf Schwache achten – das ist gelebte Tora im Alltag.

Die Verbindung zu Hessy ist klar: Die Nazis versuchten, Menschen zu definieren, bevor sie sie behandelten. Mischpatim zeigt das Gegenteil: Würde hängt nicht von Kategorien ab, sondern von unserem Handeln. Mischpatim fragt nicht: „Wer ist wertvoll?“ Sie fragt: „Wie behandelst du ihn?“

Auch heute neigen wir dazu, Menschen schnell einzuordnen – nach Herkunft, Religion, Sprache oder Meinung. Unsere Verantwortung bleibt dieselbe. Hessys Geschichte und die Parascha lehren: Würde entsteht durch Handeln, nicht durch Zuschreibung. Recht schützt sie, Verantwortung erhält sie.

„Du sollst den Fremden nicht bedrängen, denn ihr selbst wart Fremde in Ägypten.“ (Exodus 22:20) Die Tora gibt uns diese Worte als Rahmen: Wir müssen nicht alles über die Menschen wissen, die uns begegnen – wir müssen sie gerecht behandeln, achten und schützen.

Schabbat Schalom.