bet haskala Blog

Wochenabschnitt

D’war Tora – Pessach VIII

Zählen nach dem Lied

Am achten Tag von Pessach stehen wir nicht mehr am Meer. Der große Moment liegt hinter uns. Kein geteiltes Wasser mehr, kein Lied. Und doch bleibt ein Satz aus diesem Moment. Wir hören ihn auch in der Haftarah aus dem Sefer Isaiah: עָזִּי וְזִמְרָת יָהּ ה’ וַיְהִי־לִי לִישׁוּעָה „Meine Stärke und mein Lied ist Gott, und Gott wurde mir zur Rettung.“

Das klingt wie ein Abschluss. Aber wenn man genauer hinhört, ist es eher ein Prozess. Nicht die Rettung steht am Anfang, sondern die Stärke — עָזִּי. Dann kommt das Lied — זִמְרָת. Und erst am Ende: וַיְהִי־לִי לִישׁוּעָה.

Und vielleicht ist genau das heute entscheidend. Denn in unserer Tora-Lesung hören wir fast im selben Atemzug: וּסְפַרְתָּ לְךָ… — „Du sollst zählen.“ Wir haben begonnen, den Omer zu zählen. Und das ist… unspektakulär. Man sagt eine Zahl. Man versucht, es nicht zu vergessen. Mehr passiert nicht.

Was hat dieses Zählen mit dem Vers zu tun? Vielleicht dies: Stärke hat man in einem Moment. Aber der Vers sagt mehr. עָזִּי — meine Kraft ist nicht einfach nur meine eigene. Sie ist mir gegeben, ich verfüge über sie, aber ich habe sie nicht allein hervorgebracht.

Und dann: זִמְרָת יָהּ. Ein „Lied“ — das kann man groß verstehen. Aber vielleicht ist es hier etwas Kleineres: der Versuch, dem, was ich habe, eine Form zu geben.

Und das Zählen tut genau das. Es gibt der Zeit eine Form. Nicht jeder Tag ist besonders. Nicht jeder Tag fühlt sich sinnvoll an. Aber wir zählen ihn trotzdem.

Und hier verschiebt sich etwas. Wir denken oft: Die Zeit der Selbstprüfung ist einmal im Jahr — an Yom Kippur, diese intensiven 25 Stunden. Der Omer schlägt etwas anderes vor. Nicht ein großer Moment, sondern sieben Wochen. Nicht große Worte, sondern kleine Schritte.

Kein Drama. Keine langen Bekenntnisse. Nur die leise Frage: Wo stehe ich eigentlich? Was mache ich mit meiner Zeit? Was nehme ich aus Pessach mit?

Vielleicht sollte man den Vers deshalb vorsichtiger lesen. Nicht: „Gott hat mich gerettet, und deshalb singe ich.“ Sondern: Ich habe Kraft — aber nicht nur aus mir selbst. Und ich versuche, meinen Tagen eine Form zu geben — ich lasse sie nicht einfach vorbeigehen. Und mit der Zeit — nicht sofort — entsteht daraus vielleicht so etwas wie Sinn. Und irgendwo in diesem Prozess zeigt sich dann, was der Vers am Ende sagt: וַיְהִי־לִי לִישׁוּעָה.

Das ist der achte Tag von Pessach. Nicht das Meer, sondern der Alltag danach. Wir zählen. Und vielleicht — ganz leise — fangen wir an mit עָזִּי וְזִמְרָת יָהּ… וַיְהִי־לִישׁוּעָה Tag für Tag.

חג שמח