Tamima – eine rote Kuh und eine uralte Hoffnung
Am 14. Juni 2026 wurde in Galiläa die Geburt eines roten Kalbes bekannt gegeben. Die Forscher gaben ihr den Namen „Tamima“ – hebräisch für „vollkommen“, „makellos“ oder „unversehrt“. Ob sie tatsächlich alle halachischen Voraussetzungen einer Para Aduma erfüllen wird, kann erst in den kommenden Jahren festgestellt werden. Dennoch sorgte diese Nachricht weit über Israel hinaus für Aufmerksamkeit.
Für die meisten Menschen ist sie kaum mehr als eine ungewöhnliche Meldung. Für viele religiöse Juden weckt sie jedoch eine Hoffnung, die seit fast zweitausend Jahren besteht. Doch warum kann die Geburt eines einzigen Kalbes eine solche Bedeutung haben?
Die Antwort führt uns mitten hinein in unsere Parascha Chukat. Die Para Aduma, die rote Kuh, nimmt in der Torah eine einzigartige Stellung ein. Nach dem biblischen Gebot wurden ihre Asche und Quellwasser miteinander vermischt, um Menschen von der schwersten Form ritueller Unreinheit zu reinigen – jener Unreinheit, die durch den Kontakt mit einem verstorbenen Menschen entsteht. Erst danach konnten sie den Tempel betreten und wieder vollständig am religiösen Leben teilnehmen. Seit der Zerstörung des Zweiten Tempels kann dieses Reinigungsritual nicht mehr vollzogen werden. Deshalb richtet sich bei jeder Nachricht über eine mögliche Para Aduma der Blick vieler Menschen nach Jerusalem – nicht wegen einer Kuh, sondern wegen der Hoffnung, die sie verkörpert.
Wir leben in einer Zeit, in der der Tod wieder erschreckend nah an unser Leben herangerückt ist. Kriege, Terror, antisemitische Gewalt, Krankheit und Verlust begleiten unseren Alltag. Selbst wenn wir nicht unmittelbar betroffen sind, erreichen uns Bilder und Nachrichten, die wir kaum noch verarbeiten können. Die Torah kennt diese Erfahrung. Sie erklärt den Tod nicht und sie erklärt den trauernden Menschen auch nicht für schuldig. Im Gegenteil: Wer einen Verstorbenen begleitet, erfüllt eine der größten Mizwot überhaupt. Gleichzeitig erkennt sie an, dass die Begegnung mit dem Tod den Menschen verändert. Sie hinterlässt Spuren, nimmt Kraft und verändert den Blick auf das Leben.
Gerade deshalb beginnt unsere Parascha mit den ungewöhnlichen Worten: „Dies ist die Satzung der Torah.“ Nicht die Satzung der roten Kuh, sondern die Satzung der Torah. Die Weisen haben sich seit Jahrhunderten gefragt, warum ausgerechnet dieses Gebot so überschrieben wird. Die Para Aduma ist weit mehr als ein Ritual. Sie verkörpert die Hoffnung, dass der Tod und die daraus entstehende Unreinheit nicht das letzte Wort behalten, dass der Weg zurück in die Gemeinschaft, in die Heiligkeit und in die Nähe Gottes offen bleibt. Sie erinnert uns daran, dass die Geschichte des jüdischen Volkes nicht mit Zerstörung, Exil und Tod endet, sondern dass Erlösung zu den tragenden Hoffnungen unseres Glaubens gehört.
Ob Tamima tatsächlich eine Para Aduma sein wird, wissen wir heute noch nicht. Wir werden warten und auf gute Nachrichten hoffen.
Schabbat Schalom.
