bet haskala Blog

Wochenabschnitt

Bechaalotcha 5786

Mehr Licht!

Es war einmal ein Lehrer, der viele Schülerinnen und Schüler hatte. Eines Tages stellten sie ihm eine Frage: „Rabbi, wie erkennt man einen guten Lehrer?“ Der Lehrer antwortete nicht sofort. Stattdessen nahm er sie am Abend mit in sein Haus.

Dort stand eine große Lampe, bei deren Licht die Menschen seit vielen Jahren lernten. Der Lehrer zündete eine Kerze an der Lampe an, dann eine zweite und eine dritte. „Was seht ihr?“, fragte er.

„Es gibt mehr Licht als vorher“, antworteten die Schülerinnen und Schüler. „Und was hat die Lampe verloren?“ Die Schülerinnen und Schüler schwiegen. „Nichts“, sagten sie schließlich. Der Lehrer nickte. „Dann habt ihr die Antwort.“

Diese kleine Geschichte führt direkt in unsere Parascha. Sie beginnt mit dem Licht der Menora: בְּהַעֲלֹתְךָ אֶת־הַנֵּרֹת. Raschi kommentiert: עד שתהא שלהבת עולה מאליה. Die Flamme soll selbst aufsteigen. Zunächst bezieht sich dieser Kommentar auf die Menora. Wenig später begegnen wir jedoch einer anderen Form der Weitergabe.

Mosche steht an einem schwierigen Punkt seiner Führung. Die Last der Verantwortung wird zu groß. Wenige Verse zuvor hören wir seine Klage: לֹא אוּכַל אָנֹכִי לְבַדִּי לָשֵׂאת אֶת־כָּל־הָעָם הַזֶּה – „Ich kann dieses ganze Volk nicht allein tragen“ (Bemidbar 11,14). Der Ewige antwortet darauf, indem er Mosche siebzig Älteste versammeln lässt, die einen Teil dieser Verantwortung übernehmen sollen. Dabei verwendet die Tora eine bemerkenswerte Formulierung: וְאָצַלְתִּי מִן־הָרוּחַ אֲשֶׁר עָלֶיךָ וְשַׂמְתִּי עֲלֵיהֶם – „Ich werde von dem Geist nehmen, der auf dir ruht, und ihn auf sie legen“ (Bemidbar 11,17).

Mitten in dieser Geschichte tauchen zwei Personen auf, die leicht überlesen werden: Eldad und Medad. Mosche hat gerade die siebzig Ältesten versammelt. Nach rabbinischer Tradition gehörten auch Eldad und Medad ursprünglich zu diesem Kreis. Sie zogen sich jedoch zurück, weil sie sich für diese Aufgabe nicht würdig hielten (סנהדרין יז ע״א). Und gerade auf diese beiden Menschen ruht nun ebenfalls die Ruach.

Sie beginnen zu prophezeien. Ein junger Mann berichtet dies Mosche. Josua reagiert sofort: אדני משה כלאם – „Mein Herr Mosche, halte sie zurück.“ Seine Reaktion ist verständlich. Die Ältesten wurden berufen, Verantwortung wurde übertragen, und nun erscheinen prophetische Stimmen an einem unerwarteten Ort.

Mosche reagiert unerwartet. Er antwortet: המקנא אתה לי – „Bist du eifersüchtig um meinetwillen?“ Und anschließend: ומי יתן כל עם ה’ נביאים כי יתן ה’ את רוחו עליהם – „Wären doch alle Menschen des Ewigen Propheten, indem der Ewige seinen Geist auf sie legt.“

Gerade diese Reaktion macht die Geschichte bemerkenswert. Der Mosche dieser Parascha wirkt an vielen Stellen erschöpft. Wir hören seine Klage. Wir erleben einen Menschen, der an die Grenzen seiner Kraft kommt.

Deshalb überrascht seine Reaktion auf Eldad und Medad. Er sieht in ihnen keine Bedrohung. Er erkennt dieselbe Ruach, die nun auch andere erreicht. Die Überraschung der Geschichte besteht nicht darin, dass Eldad und Medad prophezeien. Die Überraschung besteht in Mosches Antwort.

Hier begegnen sich die Menora, Mosche, die siebzig Ältesten und Eldad und Medad.

Die Menora trägt das Licht. Mosche trägt die Ruach. Die Ältesten tragen einen Teil dieser Ruach. Eldad und Medad tragen dieselbe Ruach im Lager. Keiner von ihnen besitzt sie. Weder die Flamme noch die Ruach werden schwächer, wenn sie weitergegeben werden. Deshalb antwortet Mosche: ומי יתן כל עם ה’ נביאים. Die Hoffnung Mosches besteht nicht darin, die Ruach festzuhalten. Seine Hoffnung besteht darin, dass sie weitere Menschen erreicht. Die Frage unserer Parascha lautet deshalb nicht, wem das Licht gehört. Die Frage lautet, was wir damit tun, wenn es uns erreicht.

Schabbat schalom